Expertenkreis beriet über Zukunft von Sorgenden Gemeinschaften

IWW-Veranstaltung "Sorgende Gemeinschaften"

Die Teilnehmenden der IWW-Veranstaltung "Sorgende Gemeinschaft" /Foto: PTHV

Vallendar, 05.03.2018. Die Frage, wie eine Gesellschaft des langen Lebens mit den immer drängenderen Herausforderungen im Umfeld von Betreuung und Begleitung älterer und hochaltriger sowie insbesondere auch pflegebedürftiger Menschen umgeht, ist bis heute ungeklärt. Im Rahmen der IWW-Veranstaltungsangebote der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV) diskutierten auf Einladung von Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler, Lehrstuhl für Gemeindenahe Pflege, ausgewiesene Expertinnen und Experten an zwei Tagen grundlegende Fragestellungen sowie auch ganz konkrete Ansätze zur Ausgestaltung von Sorgenden Gemeinschaften.

Wie ist Gemeinschaft und Sorgearbeit heute zu verstehen? Welche Entwicklungen werden sich im gesellschaftlichen Umfeld, aber auch in den Pflegeberufen vollziehen (müssen), um Sorgegemeinschaften zu entwickeln und zu erhalten? Welchen Beitrag können neue Technologien in der Pflege zum Gelingen sorgender Gemeinschaften leisten? Fragen dieser Art bildeten den Leitfaden der Veranstaltung "Sorgende Gemeinschaften: Herausforderungen und Perspektiven für Pflege und Gesellschaft", die am 15. und 16.02.2018 an der PTHV stattfand.

"Die Veranstaltung hat deutlich gemacht, dass die bislang eher getrennten Diskurse um die Entwicklung von Sorgegemeinschaften, um die Weiterentwicklung und Professionalisierung der Pflegeberufe sowie um die Möglichkeiten von neuen Technologien in der Pflege enger zusammengeführt werden müssen und insgesamt die Debatte um die Ausgestaltung von Sorgegemeinschaften – nicht zuletzt auch im Kontext von Pflege und Pflegewissenschaft – offensiver zu führen ist", betonte Prof. Dr. Hülsken-Giesler. "Ich freue mich, dass wir mit dieser Veranstaltung sowie mit der einhergehenden Buchveröffentlichung zum Thema einen Beitrag dazu leisten können." (Ein Buchband zum Thema "Sorgende Gemeinschaften" erscheint im Herbst 2018 im Kohlhammer Verlag).

Der Blick auf die Pflegestatistik verdeutlicht die Herausforderung: bis 2030 wird der Anteil an pflegebedürftigen Menschen in Deutschland auf ca. 3,5 Millionen ansteigen. Vor dem Hintergrund zunehmend begrenzter Pflegekapazitäten in den Familien sowie einem Fachkräftemangel im Bereich der beruflichen Pflege sind Versorgungslücken bereits heute erkennbar und werden sich, allen Prognosen folgend, zukünftig ausweiten. Unter dem Stichwort "Sorgende Gemeinschaften" werden derzeit verschiedenste Ansätze diskutiert, die skizzierten Herausforderungen auf kommunaler Ebene über eine Mischung und Vernetzung von informellen (z. B. Nachbarschaften, bürgerschaftliches Engagement, Vereinen etc.) und professionellen Unterstützungsangeboten zu bewältigen.

Mit dem Beitrag von Prof. Dr. Thomas Klie, Evangelische Hochschule Freiburg, wurden grundlegende Aspekte der Begründung und Entwicklung von Sorgegemeinschaften zur Diskussion gestellt. Entscheidend erscheint demnach, dass sich Sorgegemeinschaften – oder besser "Caring Communities" – in den spezifischen Besonderheiten einer Region, einer Kommune bzw. eines Quartiers begründen. Erst vor diesem Hintergrund lässt sich erarbeiten, was unter Gemeinschaft zu verstehen ist, was Sorgearbeit bedeuten könnte und wie diese in geteilter Verantwortung zwischen Individuen, Familien, nachbarschaftlichen Netzwerken, bürgerschaftlichem Engagement, Wohlfahrtsverbänden, privaten Dienstleistern und Kommunen zu organisieren ist. Die Diskussion widmete sich insbesondere auch der Frage, welche Rolle die professionelle Pflege in Sorgegemeinschaften zukünftig einnehmen sollte – eine Aufgabenteilung im Hilfe-Mix entlang der Differenzierung von "Cure-Arbeit" (als hauptamtlich erbrachte pflegerisch-rehabilitative Leistung) und "Care-Arbeit" (als sozialpflegerisch orientierte Alltagsbegleitung durch informelle Helfer) wurde in diesem Zusammenhang kritisch diskutiert. Prof. Dr. Andreas Büscher (Hochschule Osnabrück) konkretisierte mit seinem Beitrag die Rolle der beruflichen Pflege sowie besondere Qualifikationserfordernisse von professionellen Helfern in sorgenden Gemeinschaften und verwies dabei insbesondere auch auf internationale Erfahrungen. Frau Ulrike Oeverkamp und Frau Dr. Bettina Kruth vom Evangelischen Johanneswerk Bielefeld boten Raum zur interaktiven Diskussion um Fragen der Kompetenzentwicklung in der Pflege. Anhand von drei Forschungsprojekten zur konkreten Ausgestaltung von Sorgegemeinschaften wurde schließlich die Vielfalt der Ansätze deutlich gemacht: Prof. Dr. Hartmut Remmers (Universität Osnabrück) stellte das BMBF-Projekt "Dorfgemeinschaft 2.0" vor, das u. a. die Möglichkeiten und Begrenzungen der digitalen Vernetzung von Sorgegemeinschaften untersucht. Frau Petra Gaugisch (Fraunhofer IAO, Stuttgart) berichtete über das Forschungsprojekt "SONIAnetz" und betonte die Erfahrung, dass neue Technologien im Kontext von Sorgegemeinschaften dafür genutzt werden, über digitale Vernetzungen reale soziale Begegnungen zu ermöglichen. Abschließend bot Herr Bernd Wienczierz von der Hildegardis Stiftung und cusanus Trägerschaft Trier mbH Einblicke in kommunalpolitische Entscheidungsprozesse am Beispiel der "Quartiersentwicklung Vallendar". Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung waren sich einig, dass die Thematik weiterzuverfolgen und die Rolle der beruflichen Pflege in diesem Zusammenhang dringlich zu schärfen ist.