Ist Gottes Wahn Glaube?

Auch wenn ein Drittel der Bevölkerung sich nicht zu einer Religion bekennt, heißt das noch lange nicht, dass sie kämpferische Atheisten sind, wie aus diesen Kreisen immer wieder behauptet wird. Trotzdem ist die moderne Strömung, die Glauben zum Gotteswahn erklärt, ein aufschlussreiches Zeitphänomen und sollte religiös bekennenden Menschen zu denken geben. So das Fazit des dritten und letzten Akademietages an der Hochschule der Pallottiner, gestaltet vom Münchener Kulturjournalisten Alexander Kissler und dem Bonner Theologen René Buchholz. Beide brachten den Atheismus moderner Prägung mit zwei Trends von Kirche und Gesellschaft in Verbindung: einerseits fundamentalistische Tendenzen im Christentum und Islam, die zurück gehen hinter bereits erreichte rational verantwortbare Positionen z.B. in der Bibelauslegung; andererseits die dominierende Rolle, die den Naturwissenschaften zugeschrieben wird, als ob diese für alle Probleme des Lebens Lösungen anzubieten hätten, als ob die Hirnforschung urteilen könnte über Fragen des Glaubens. Hier ist der Nährboden zu sehen für humanistische Vereinigungen wie die Giordano Bruno Stiftung, der namhafte Persönlichkeiten des akademischen und politischen Lebens angehören. Sie versuchen, Gottesglauben in der Populärkultur (darunter Kinderbücher, Comics, Veranstaltungen wie„Heidenspaß statt Höllenqual“) lächerlich zu machen. Politische Ziele sind die vollendete Trennung von Kirche und Staat, die Erklärung von Religion zur völligen Privatangelegenheit. Auch wenn Eigennutz als das eigentliche Lebensmotiv propagiert wird, so geht es nicht um eine moralische Anarchie, sondern um eine alternative, humanistisch begründete Ethik, wie sie etwa im Osten der Republik in der fort bestehenden Tradition der Jugendweihe vermittelt wird.
Auf eine Frage aus dem Kreis der etwa 270 Teilnehmer, was denn Christen in der Auseinandersetzung mit dem Atheismus tun können, antworteten die Referenten mit der Aufforderung, sich rational seines Glaubens bewusst zu werden, die theologische Aufklärung der letzten Jahrzehnte bewusst mit zu vollziehen und damit keine fundamentalistische Angriffsfläche zu bieten. Auch wenn in der Debatte zurzeit eine „polemische Aufrüstung verbunden mit intellektueller Abrüstung“ festzustellen sei, wäre es bedauerlich, wenn von unserer Seite das Gleiche geschähe. Vielmehr kommt es darauf an, viele naturwissenschaftliche Argumente (die übrigens oft nicht neu sind) als für Theologie und Glauben nicht relevant zu entlarven. Die Bibel ist keine biologische Erklärung der Weltentstehung – wer meint, damit christlichen Glauben ad absurdum zu führen, soll und darf sich eines Besseren belehren lassen. Religion hat bessere Kritiker verdient.