"Fundamente der Theologie"

 

„Gehen wir davon aus, dass es eine elementare Krise gibt,

die unser europäisches Christentum befallen hat.

Wir leben in einer ‚Zeit der Gotteskrise’.

Sie ist nicht einfach identisch mit einer innerkirchlichen Glaubenskrise,

sie ist vielmehr die Signatur der geistigen Situation unserer Zeit.

Für viele hat das Wort ‚Gott’ seine kommunikative

oder auch seine skandalisierende Macht verloren.

Es gibt keine großen Atheismen mehr.

Es scheint, als wäre Gott einfach abhanden gekommen

(wie ein Hut, wie ein Stock, den man nicht allzu lange vermisst)

oder als wäre er zur freischwebenden Metapher geworden,

die vielerlei Interessen schmücken kann.

In dieser Zeit der Gotteskrise

geht es für Kirche und Christentum nicht um dies oder das,

sondern um – Gott!“

 

(Johann Baptist Metz)

 

 

An dieser Stelle möchte ich ausführlicher – trotzdem nur ansatzweise – das Verständnis „meiner" theologischen Fachbereiche, der Fundamentaltheologie und der Theologie der Spiritualität, vorstellen, das mein Nachdenken prägt – und damit natürlich die Lehrveranstaltungen in diesen Bereichen prägen soll.

 

Diese zwei theologischen Disziplinen sind nicht wirklich voneinander getrennte Fächer, wie unterschiedliche Schubladen einer theologischen Kommode:

Fundamentaltheologie, eine Theologie, die sich um die Grundlagen, die Wurzeln des Glaubens bemüht, muss notwendig geistliche, spirituelle Theologie sein!

 

 

Bestimmend ist hierbei eine doppelte Erkenntnis:

 

-         dass einerseits das „Leben der Gläubigen im Geist“ „der Lehre 

           vorausgeht“, dass das geistliche Leben der Theologie also erst ihre

           Fragen aufgibt;

 

-         dass andererseits die Theologie, die „das Ganze des Lebens im Blick

           hat“, eben dieses „Leben im Geist“ bereichert, stärkt, es hervorlockt –

           und in diesem Sinn einer Vertiefung des Lebens dient.

 

Theologie zu betreiben ist – wenn diese doppelte Herausforderung Geltung für uns haben soll – also zu verstehen als „ein Akt des Glaubens“: nämlich als „die Form des Glaubens, die nach intellektueller Klarheit, nach Einsichtigkeit sucht“.

Auch – und vielleicht in besonders ausgeprägtem Maß – die Fundamentaltheologie ist so zuerst Vergewisserung, Klärung, Selbstkritik, Kommunikation.

 

Die FundamentaltheologInnen zitieren in diesem Zusammenhang gern eine Aufforderung aus dem 1. Petrusbrief (1 Petr 3,15) – das erste uns überlieferte „fundamentaltheologische Programm“:

 

 

„Haltet in euren Herzen Christus, den Herrn, heilig!

Seid stets bereit,

jedem Rede und Antwort zu stehen,

der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt!“

 

 

Die Theologie, die „Einladung, Gott zu denken“, so betont etwa Dorothee Sölle, ist dabei – neben aller kritischen Prägung und Stoßrichtung – eine „Einladung, Gott zu lieben“, „Anteilhabe an Gottes Wirklichkeit zu suchen“. Theologie hat letztlich die Aufgabe, „zu einem tieferen Glauben zu führen“.

 

Sie ist darin und dadurch gleichzeitig eine Einladung und Ermutigung zur Nachfolge, aber – erneut gewendet – auch eine kritische Reflexion dieses „Lebensentwurfs“, dieses „Lebens-Projekts“ (wie es die lateinamerikanische Befreiungstheologie genannt hat).

 

 

Will die Theologie diesen grundlegenden Ansprüchen gerecht werden, dann erfordert das Theologie-Treiben neben der Liebe zum Evangelium und zur Tradition der Kirche und der Bereitschaft, diese mit der Kraft der eigenen Vernunft durchdringen und sich aneignen zu wollen (ein oft ziemlich herausforderndes und anstrengendes Unterfangen), in erster Linie eines:

Die „Aufmerksamkeit für das Wirken des Geistes“, "das Antwort geben will auf die historische und kirchliche Realität mit ihren realen Schreien und Hoffnungen“ (J. Sobrino) – für den Geist, der uns heute, in unserer Welt, mit dem Leben des Evangeliums anstecken und erfüllen will.

 

In den Hochgebeten für die Feier der Eucharistie findet sich ein Gebet, das dieses Verständnis, das unser theologisches Suchen leiten soll, bündelt und formuliert als Bitte an Gott – ich habe es, aus dem Kontext „herausgerissen“, „re-formuliert“. So könnte es für mich ein Gebet vor jeder Vorlesung und jedem Seminar sein:

 

 

„Barmherziger Gott,

schenke uns

durch die Anteilhabe am Geheimnis der Hingabe Jesu

den Geist, der uns mit Leben erfüllt.

Erneuere uns nach dem Bild deines Sohnes.

Stärke unsere Einheit mit deinem ganzen Volk:

mit unserem Papst,

mit den Bischöfen, Priestern und Diakonen,

mit den Ordensleuten,

mit unseren Pastoral- und Gemeindereferentinnen und - referenten,

mit allen Frauen und Männern, Jugendlichen und Kindern,

die den Weg der Nachfolge in deiner Kirche gehen wollen.

Lass uns die Zeichen der Zeit verstehen

und uns mit ganzer Kraft für das Evangelium einsetzen.

Mache uns offen für das, was die Menschen bewegt,

dass wir ihre Trauer und Angst, ihre Freude und Hoffnung teilen

und als treue Zeuginnen und Zeugen

mit ihnen

dir entgegengehen.“

 

 

 

Dieses Gebet macht ein Lebens-Ideal deutlich! Es lädt uns ein, uns um ein Verständnis dessen zu bemühen, was es heißt, aus der Kraft der Eucharistie zu leben, der„Quelle des kirchlichen Lebens“ – und damit auch des Theologietreibens.

 

Die hier an Gott gerichteten Bitten sind ein Echo der Ausführungen, die den Beginn der Pastoralkonstitution des II. Vatikanischen Konzils („Die Kirche in der Welt von heute“ – Gaudium et spes) bilden:

 

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger [und Jüngerinnen] Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.

 

Darum erfährt diese Gemeinschaft [der JüngerInnen, der Kirche] sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden.“ (Vat II; GS 1)

 

 

Zu Anfang meiner Überlegungen hatte ich hingewiesen auf die Gefahr einer Aufspaltung, einer Trennung zwischen einer sogenannten „wissenschaftlichen Theologie“ und der „Spiritualität“, unserem geistlichen Leben.

Nach dem bis hierher Gesagten wird deutlich geworden sein, dass es zur Lösung dieses Problems nicht ausreicht, eine formale Neu-Organisation der Inhalte der Theologie vorzunehmen, also etwa die dogmatischen oder fundamentaltheologischen Traktate durch solche einer eigenen „Theologie der Spiritualität“ zu ergänzen.

Es muss vielmehr darum gehen – und die Kirche ringt in unserer Zeit mit großer Anstrengung darum - , der Theologie im Ganzen „einen neuen Charakter zu verleihen“.

 

Ich persönlich würde lieber sagen: Diesen besonderen Charakter der Theologie zu erneuern, wieder-zu-beleben, wiederzufinden. Er ist gar nicht so neu!

Theologen früherer Jahrhunderte hätten den Kopf geschüttelt über die kühle, nüchterne Art, wie in Europa seit der „Aufklärung“ oftmals „Theologie“ betrieben wird.

Theologie ist keine nüchterne, distanzierte „Religions-Wissenschaft“ – oder eher: sie dürfte es eigentlich nicht sein!

 

Wie auch immer: Die Einsicht, die die Theologie der Kirche immer deutlicher wieder zu prägen beginnt: Eine „rein deduktive Theologie, die an der abstrakten Lehre ausgerichtet ist, erscheint irrelevant“.

 

Entscheidend ist die Frage, „mit welchem Geist Theologie getrieben wird und welchen Geist die Theologie vermittelt, die man treibt“.

Das Ziel ist: Leben!

Eine bestimmte Art und Weise des Lebens.

 

Deshalb nochmals zur Erinnerung:

Die „Einladung, Gott zu denken“, ist eine „Einladung, Gott zu lieben“, „Anteilhabe an Gottes Wirklichkeit zu suchen“; ihr Ziel ist es, „zu einem tieferen Glauben zu führen“.

Sie ist darin und dadurch gleichzeitig Einladung und Ermutigung zur Nachfolge, aber auch kritische Reflexion der Praxis dieses „Lebensentwurfs“ (und der diese Praxis – im Guten wie im irrtümlichen Sich-Verrennen – bestimmenden Gedanken).

 

 

Theologie treiben, das erfordert also dreierlei:

 

 

Verstehen-wollen:

  •         das Geheimnis der Lebenshingabe Jesu;
  •         das „Bild des Sohnes“;
  •         die „Zeichen der Zeit“;
  •         das Evangelium und die kirchliche Überlieferung. 

 

Aufmerksam-sein:

 

  •         für das, was Menschen (offen oder verborgen) bewegt:
  •         für Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen; 
  •         für das Wirken des Geistes, das "Antwort geben will" …
  •         für die  Realität der Welt, in der Menschen heute leben  

 

Bereit-sein:

 

 

  •         für den Geist, „der uns mit Leben erfüllt“;
  •         zum „Einsatz mit ganzer Kraft“;
  •         zur Nachfolge Jesu;
  •         zum „Gott-entgegen-Gehen“, zur Gott-Suche.

 

 

Ein adventliches Bild steckt in diesem Verständnis von theologischem Bemühen: das Kommen Gottes erwarten, erhoffen. Eine Theologie des Gott-Vermissens!

Der Grund für diesen Wechsel der Perspektive vom Gott-Besitzen zum Gott-Erwarten liegt begründet im „mit ihnen“ – mit den Menschen, besonders mit den Armen und Bedrängten aller Art, mit den Menschen in Angst und Not, „mit ihren Schreien“ – und auch mit ihren Hoffnungen – Gott suchen, ihm entgegengehen, nach ihm rufen, nach Antworten forschen.

 

 

Auf diesem Hintergrund haben sich nach dem II. Vaticanum verschiedene theologische Ansätze herausgebildet, die versuchen, den benannten Anliegen gerecht zu werden; theologische Ansätze, die auch für mich in vielerlei Hinsicht prägend wurden:

 

„Theologie nach Auschwitz“ (so nannte sie sich in Deutschland), die dann in der Gestalt der „Politischen“ und inzwischen der „Neuen Politischen Theologie“ in Europa und der „Theologie der Befreiung“ im Kontext der Auseinandersetzung um Freiheit und Gerechtigkeit (zuerst in Lateinamerika, dann weltweit in unterschiedlichen Formen), der „Feministischen Theologie“ … jeweils ein eigenes Profil und eigene charakteristische Schwerpunkte (damit oft auch Einseitigkeiten) der Gott-Suche herausgebildet hat.

Verschiedene „Theologien“, die ein gemeinsames Grundanliegen haben, nämlich – wie es im bereits bedachten Text des II. Vaticanums heißt – „mit der Geschichte und dem Leben der Menschen aufs engste verbunden zu sein“.

 

„Zur Erfüllung dieses Auftrags“ – so noch einmal das II. Vatikanische Konzil – „obliegt der Kirche allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten.

So kann sie dann in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander Antwort geben.

Es gilt also, die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen“. (Vat II; GS4)

 

 

Theologie, die aus diesem Anspruch lebt, zeigt sich deutlich als Spannungs-Gefüge!

Es ist eine Theologie in einer „jeweils einer Generation angemessenen Weise“, Theologie mit Zeit-Index, die trotzdem einen zeit-losen, besser vielleicht Zeiten-übergreifenden Kern hat: Antwort auf die „bleibenden Fragen des Menschen“ nach Sinn, nach dem Verhältnis zwischen Gott und seinen Geschöpfen.

 

Darum in erster Linie beschäftigen wir uns überhaupt mit theologischen Traditionen. Das, was uns überliefert ist, es sind oft Antworten, die in der Art ihrer Formulierung einer bestimmten, vielleicht schon vergangenen Generation angehören – und damit in der Gefahr sind, selbst als nur noch der Vergangenheit angehörig betrachtet zu werden.

Eine „theologische Generation“ wäre vielleicht ein Zeitraum von 20 Jahren – und damit ist selbst das II. Vaticanum in manchen Formulierungen und Akzentsetzungen schon „Vergangenheit“.

 

Die Tradition: eine kostbare Sammlung von „Antworten“ auf Fragen nach dem Sinn unseres Daseins, nach der Beziehung zwischen Gott und Mensch:

 

Zeit-gebunden, Kulturraum-gebunden, Biographie-gebunden … und trotzdem, gleichzeitig, darin verborgen: Zeit-übergreifend, Kulturraum-übergreifend, die persönliche Biographie eines Menschen oder einer Gemeinschaft übergreifend – Antwort auf „bleibende Fragen“: Antworten sozusagen mit „Ewigkeits-Bedeutung“.

 

So hoffe ich, dass wir mit unseren Forschungen, Überlegungen, Mühen, Diskussionen … in diesem herausfordernden Spannungsgefüge wirkliche „Theologinnen und Theologen“ sind – und immer mehr werden, und die Wahrheit dessen erkennen und erfahren, was der schon verstorbene Dogmatiker Leo Scheffczyk während des II. Vaticanums über die Weitergabe der göttlichen Offenbarung schrieb:

 

„In Wirklichkeit besagt Tradition nicht die Wendung zur Vergangenheit als solcher, sondern den Zug zum Grunde, zum Wesentlichen und Bleibenden im Leben wie in der Geschichte. [ … ] So ist Tradition nicht ein Festhalten am alten, sondern das Bejahen des tieferen Wesens und des eigenen Grundes, der gerade dann bewahrt werden muss, wenn sich ein Lebendiges sinnvoll entwickeln und organisch reifen soll. … In dieser Sicht verliert die Tradition den Charakter einer konservierenden und restaurierenden Macht und wird zur Kraft der schöpferischen Erneuerung des Lebens in der Gegenwart.“

 

© P. Dr. Edward Fröhling SAC; 08.12.2009

 

 

"Interessante und herausfordernde Köpfe"

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