"Professionelles Wissen" der Laien

Die empirischen Kulturwissenschaften haben über Jahrzehnte Detailstudien u.a. zum Thema Gesundheits- und Krankheitsverständnisse durchgeführt. Auch Konzepte des Heilens und Alltagsrituale sind dort untersucht worden. Unter einer pflegewissenschaftlichen Perspektive stellt sich hier die Frage, inwieweit dieses "im Volksmund" verbreitete Wissen Auskunft gibt über - durchaus regional verschiedene - Pflegeverständnisse. Zum anderen soll der Frage nachgegangen werden, welcher therapeutische Charakter in diesen Vorstellungen zum tragen kommt. Der Volksmund ist oft verräterisch, was Alltagshandlungen, Alltagsgesten angeht. Sprichwörter, Volksweisheiten und volksmedizinische Kenntnisse können in diesem Sinne einer Sekundäranalyse unterzogen werden. Erwartet werden wichtige Hinweise auf das Leib-Raum-Gefüge der Menschen und somit auch auf Quellen möglicher Ver-rücktheiten. Dies ist vor allem für Pflege im häuslichen Kontext bedeutsam und kann u.U. die Fragen beantworten, warum bestimmte Pflegepraktiken gut angenommen bzw. abgelehnt werden. Diese Erkenntnisse können einerseit für die Gestaltung des Pflegeprozesses genutzt werden. Andererseits stellen diese kulturwissenschaftlich erhobenen Zugänge zu lebensweltlichen Phänomenen ein Korrektiv für das wissenschaftlich erworbene Wissen über ein Pflegephänomen dar und bilden somti eine wesentliche Brücke für den so genannten Theorie-Praxis-Transfer.

 

Zudem führt ein solcher kulturwissenschaftlicher Zugang zu Alltagsphänomenen über die anwendungsorientierte Nutzung der Forschungsergebnisse hinaus und verweist auf eine grundlegende Thematik aus der Neuen Ästhetik sowie der Leibphänomenologie: Was sind Atmosphären und wie wirken sie? Am Beispiel des small-talk über das Wetter, der vielerorts als Türöffner für eine Interaktion dient, kann die folgende Hypothese überprüft werden, dass das Reden über das Wetter eine Metapher für das Atmosphärische überhaupt ist, das den Menschen begleitet. Dieses "Reden über" gibt über die jeweilige Befindlichkeit, die Stimmung in einer Situation Auskunft. Solche wichtigen - wenn auch verschlüsselten - Informationen müssen verstanden werden, sollen die Interaktionen in einem pflegerischen Setting glücken. Ausgehend von einer Kompilation und Analyse von Atmosphärenkonzepten in westlicher und östlicher Philosophie sollen spezifische Atmosphären im Kontext von Gesundheit, Krankheit und Pflegebedürftigkeit sowie den Institutionen im Gesundheitswesen herausgearbeitet werden. Erst dann ist eine Übertragung der Ergebnisse auf die Atmosphären des Pflegens möglich.