Umgebungsqualitäten in der Pflege: Die Wirkungen des Wohnens

Dass das Umfeld eine Wirkung auf Menschen hat, ist trivial. Menschen spüren auf ihre je eigene Weise, wann sie sich wohl fühlen, wann nicht. In der Umweltmedizin, Umwelt- und Arbeitspsychologie gibt es einige Stu-dien, die sich mit dem Thema der Wirkungsweisen von Umgebung und Gesundheit befassen. Wobei hier jedoch ein pathogenetischer Ansatz dominiert. Hall hat beispielsweise in seiner Studie aus den 60er Jahren bereits Zu-sammenhänge zwischen Innenraumgestaltung und der Häufigkeit sozialer Interaktionen untersucht und daraus seine Theorie der Proxemik entwickelt. Ulrich hat 1984 den Einfluss der Aussicht aus einem Fenster auf den Genesungsverlauf und die Schmerzmitteldosen bei chirurgischem Eingriff untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass der Weiteblick in eine grüne Landschaft den Genesungsprozess beschleunigt und die Schmer-zen reduziert. In der Architektur finden sich einige Ansätze, die die Gestaltung der Räume für kranke Menschen unter einer technologischen und ökonomischen Perspektive bearbeiten, wobei der Wohlfühlaspekt zwar immer betont wird, dieser jedoch meist eher im Lichte einer Vermarktungsstrategie erscheint, als dass dieser Sachver-halt auf fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Nicht nur die Architektur von Gebäuden, sondern auch das unmittelbare Nahumfeld ist bedeutsam für den Genesungsprozess oder das Wohlbefinden. Zegelin (2005) hat in ihrer Studie Andeutungen über die Wirkung der Möbel auf das Selbstbild der Pflegebedürftigen gemacht. So forciert ein Pflegebett das Liegenbleiben deutlich mehr, als das „normale“ Bett, das man gewohnt ist. Im Kontext der Pflege und besonders der Pflegebedürftigkeit kann hier eine große Forschungslücke konsta-tiert werden.

Dabei geht es nicht nur um das Sich-Einrichten oder um die Art der Raumgestaltung oder Möblierung. Wohnen ist eine Daseinsform, ein Existential. Der Mensch ist nicht nur im Raum, sondern er wohnt. Wohnen bezeichnet eine ganz bestimmte Qualität des Daseins, die man erst lernen muss, ohne die der Mensch aber nicht existieren kann. In der Philosophie und auch in der Ethnologie wird das Haus häufig als Metapher für eine materialisierte Sozialordnung einer Gesellschaft beschrieben (vgl. auch symbolisches Management). Wie aber genau wirkt der Raum auf den Menschen? In dieser Fragestellung wird von zwei neuen Verständnisweisen über Raum und Mensch ausgegangen. Der Mensch besteht nicht aus Körper, Geist und Seele. Er ist vor allem leiblich. Die leib-liche Verfasstheit des Menschen führt ein „Eigenleben“ und steht qua leiblicher Kommunikation mit den Umge-bungsqualitäten eines Raumes in Verbindung. Warum wir uns in bestimmten Räumen wohl fühlen, andere eher zu vermeiden suchen, wieder andere uns im direkten Sinne beengen, hängt nicht nur von der Quadratmeterzahl oder dem Gefallen der Einrichtungsgegenstände ab, sondern von spezifischen Qualitäten, die den Leib affizieren.
Exemplarisch für den Themenkomplex Wohnen ist die Erforschung der Zusammenhänge zwischen Raumgestal-tung und Verwirrtheit ein dringendes Thema. Architekten sprechen bereits von einer demenzfreundlichen Archi-tektur. Die Überlegungen, die den Konzepten und Bauplänen zu Grunde liegen, basieren letztlich auf einer ratio-nalistischen Vorstellung des Menschen von Körper, Geist und Seele. Raum- und Farbpsychologie bilden die zentralen Bezugsdisziplinen. So begegnet man der motorischen Unruhe bzw. Weglauftendenz von Demenzer-krankten mit Fluren, in denen man in einer Art Endlosschleife rund laufen kann. Aus einer leiblichen Perspektive – so die Hypothese – kann ein solches Angebot diese Weglauftendenz und die Unruhe noch verstärken, sofern sie keine Stätten zum Niederlassen bietet und sofern die Begrenzungen, die notwendig zum Dasein gehören weggenommen werden, nicht mehr spürbar sind. Denn der Raum ist nicht nur geometrischer Raum, welcher mittels Koordinaten gegliedert und metrisch vermessen wird. Entscheidend in diesem Forschungsansatz sind die Beziehungen zwischen Ortsraum und Gefühlsraum, Leibraum und Weiteraum. Was bedeutet vor diesem theore-tischen Hintergrund die Verortung des Menschen im Raum? Was bedeutet Stehen, Sitzen, Liegen? Was ist Bett-lägerigkeit? Was für eine Wohnstätte ist das Bett? Welche Bedeutung haben körperliche und leibliche Bewegun-gen und Bewegungsrichtungen? Die verschiedenen Raumbegriffe, die Schmitz eingeführt hat,  liefern die Grund-lage für einen neuen Denkansatz in diesem Forschungsfeld. Pflegewissenschaftliche Grundlagenforschung kann sich mit folgenden Forschungsleitfragen positionieren: Welche Raumatmosphären können für die Pflege und den Pflegebedürftigen unterstützend sein? Welche wirken gar förderlich auf den Heilungsprozess? Welche Räume helfen demenzkranken Menschen nicht nur zur ortsräumlichen Orientierung, sondern der Selbst-Bestimmung vor Ort, der Selbstsicherheit und der Selbstvergewisserung. Welche Räume brauchen Kinder z.B. im akutklinischen Bereich oder in der Kinderonkologie? Räume helfen, das eigene Leben zu be-greifen, helfen sich zu verorten. Besonders in existenziellen Krisensituationen ist das ein elementares Bedürfnis.