
Wissenschaftstheoretisch ist die Gerontologische Pflege als ein neues Feld zu kennzeichnen, welches primär auf Forschungsbefunde aus den Leitdisziplinen Gerontologie und Pflegewissenschaft zurückgreift. Darüber hinaus werden Erkenntnisse und Perspektiven aus der Medizin, Biologie, Psychologie, Soziologie, Philosophie und Theologie berücksichtigt.
Die Gerontologische Pflege versteht sich also von Anfang als ein interdisziplinäres Projekt, weil Altern und Pflegebedürftigkeit letztlich Themen und Herausforderungen darstellen, die nur aus einer umfassenden und integrativen Perspektive beantwortet werden können. Ziel dieser Bemühungen ist eine Analyse und ein vertieftes Verständnis von Pflegesituationen alter Menschen im familiären, institutionellen und räumlichen Kontext.
Ein echtes Verständnis von Interdisziplinarität setzt Disziplinarität voraus. Insbesondere die Altenpflege ist in vielfältiger Weise dem Zugriff etablierter Disziplinen ausgesetzt (vor allem der Medizin, dem Recht, der Psychologie, etc.). Dies trifft auf den Heimsektor, aber auch auf die häusliche Versorgung zu. Dem massiven Auftreten von medizinischen Diensten, Heimaufsichten, Gesundheitsämtern etc. haben die Mitarbeiter von Einrichtungen bis heute wenig entgegenzusetzen. Altenpflege ist in ihrem Selbstverständnis einer lebensweltlich zugewandten Pflege in hohem Ausmaß fremdbestimmt und dem regulierenden Klammergriff der etablierten Disziplinen weitgehend hilflos ausgeliefert. Diese Sprach- und Machtlosigkeit kann nicht akzeptiert werden. In diesem Sinne sieht der Lehrstuhl für Gerontologische Pflege seine Legitimation auch in einem Beitrag zur Entwicklung einer beruflichen Identität der Altenpflege.
Darüber hinaus geht es der Gerontologischen Pflege um wissenschaftlich gestützte Maßnahmen und Interventionen zur Verbesserung der körperlichen, sozialen und psychischen Situation von hilfe- und pflegebedürftigen alten Menschen und ihrer Angehörigen sowie ihrer professioneller Betreuer. Der Gedanke der Modifikation und Veränderung von fachlich unangemessenen und für die Person als (über)-lastend wahrgenommenen Problemsituationen ist der Gerontologischen Pflege inhärent. Dabei akzeptiert sie als wissenschaftliches Programm die ethische Position, dass der Eingriff des Menschen in die Genetik des Alters und der Krankheit begrenzt ist und begrenzt sein sollte. Die genetische Manipulation des Alterns selbst ist kein Anliegen der Gerontologischen Pflege, sondern ausschließlich die Verbesserung der gesundheitlichen, psychischen, sozialen und räumlichen Lebensbedingungen. Die Gerontologische Pflege gründet dabei auf einem breiten Pflegeverständnis. Pflege wird nicht nur im engeren Sinne in ihrer handwerklich-technischen Dimension begriffen, sondern wesentlich auch als kommunikative und interaktive Begegnung zwischen Menschen aufgefasst. Edukative, präventive, rehabilitative und palliative Aspekte sind integraler Bestandteil der Gerontologischen Pflege.
Die Gerontologische Pflege ist ein wissenschaftliches Programm, welches bislang nur ansatzweise entwickelt wurde. Die Gerontologie hat sich vorwiegend mit dem „normalen Altern“ beschäftigt und eine Vielzahl wichtiger und weiterführender Befunde zusammengetragen. Auch die Pflegesituation alter Menschen und die damit Belastung der Angehörigen ist in gerontologischen Studien untersucht worden. Es fehlt aber an einer Forschungstradition, die den pflegerischen Aspekt in den Vordergrund rückt und die Frage nach einer Weiterentwicklung und Optimierung der (professionellen) Pflege gezielt stellt und beantwortet. Die zweite Leitdisziplin, die Pflegewissenschaft, kann in Deutschland erst auf eine kurze Entwicklungsphase zurückblicken. Pflegerische Aspekte im Sinne einer klinischen und alltagspraktischen Orientierung wurden vernachlässigt. Der Fokus lag in den ersten 20 Jahren auf pädagogischen und auf Management bezogenen Fragen der Pflegewissenschaft. Insofern ist die Pflege alter Menschen in Deutschlande ein wissenschaftlich nur unzureichend bearbeitetes Feld. Impulse, Orientierung, Forschungsbefunde kommen sehr stark aus dem angloamerikanischen Ausland. Eine Berücksichtigung dieser Entwicklung ist bedeutsam und unverzichtbar. Unbestritten ist jedoch auch, dass unter Berücksichtigung der spezifischen Bedingungen in Deutschland eine eigene Forschungstradition im Feld der Gerontologischen Pflege zu entwickeln ist. Hierzu wird die Professur Gerontologische Pflege einen substantiellen und nachhaltigen Beitrag leisten.
Drei Themenbereiche stehen im Vordergrund:
(1) Zunächst werden national und international verfügbare Erkenntnisse und wissenschaftlichen Befunde zu Aspekten gerontologischer Pflege gesichtet, zusammengestellt und systematisch ausgewertet. Es geht hier vor allem um pflegerisch bedeutsame Maßnahmen in klinisch relevanten Problemfeldern (Sturz, Mobilität, herausforderndes Verhalten). Ein besonderer Schwerpunkt werden Interventionen bei Menschen mit Demenz sein. Diese Personengruppe stellt sowohl im stationären Alltag wie auch zu Hause eine zentrale Herausforderung an die pflegerische Arbeit dar. Unter wissenschaftlichen Aspekten interessieren bei der Analyse der entsprechenden Best Practice Programme nicht nur die Effektivität und Effizienz der Maßnahmen, sondern auch ihre ethische Verantwortbarkeit und die Konsequenzen im Hinblick auf den Theorie-Praxis-Transfer.
(2) Die Analyse der Pflegemaßnahmen und Interventionen kann nur erfolgen auf der Grundlage eines umfassenden und vertieften Verständnis von Alter, Altern und den spezifischen Bedürfnissen des hilfe- und pflegebedürftigen alten Menschen. Aus diesem Grunde ist es ein Anliegen der Professur für Gerontologische Pflege bei den Studierenden ein differenziertes Verständnis von Alternsprozessen zu entwickeln. Die Forschung hat Vorurteile und Stereotype gegenüber dem Altern aufgedeckt, von denen auch Angehörige der Pflege-, Sozial- und Gesundheitsberufe betroffen sind. Die professionelle Arbeit mit und für alte Menschen setzt jedoch eine Reflexion des eigenen Altersbildes voraus und - auf die Gerontologische Pflege fokussiert - die Auseinandersetzung mit den Paradigmen einer guten Pflege. Die Absolventen von Vallendar werden in verantwortlichen Positionen des Pflege- und Gesundheitswesen tätig sein. Wichtig ist, dass die Studierenden fachlich optimal vorbereitet werden. Dazu gehört auch, dass sie ihre eigene Haltung gegenüber alten Menschen bedacht haben und Klarheit über ihre Ziele und Grenzen im Umgang mit Menschen mit Demenz erhalten haben.
(3) Die Umsetzung der Erkenntnisse und Forschungsbefunde ist Grundlage jeder Praxiswissenschaft und im ersten Punkt bereits erwähnt worden. Das eine ist die Kenntnis, Kritik und Evaluation wissenschaftlicher Befunde. Aber niemals können wissenschaftliche Erkenntnisse direkt und unmittelbar in Alltags- und Praxissituationen übertragen werden. Die Berücksichtigung des Einzelfalls und das hermeneutische Fallverstehen setzt eine hohe professionelle Kompetenz voraus. Um wissenschaftliche Befunde tatsächlich nutzen und umsetzen zu können, müssen Fähigkeiten und Fertigkeiten im Hinblick auf die inhaltliche Konzeptentwicklung, die Organisation von Teamarbeit sowie die Grundlagen des Projektmanagements beherrscht werden. Damit verbunden ist die Entwicklung von Kompetenzen hinsichtlich des Theorie-Praxis-Transfers.