Medizinethische Fachtagung

100 Teilnehmer und Teilnehmerinnen verschiedener Berufsgruppen haben sich mit dieser komplexen Thematik auf der 6. medizinethischen Tagung am 24.4.2010 an der Phil.-Theol. Hochschule Vallendar auseinandergesetzt, zu der das Institut für Wissenschaftliche Weiterbildung der Hochschule und die Katharina-Kasper-Stiftung, Dernbach, eingeladen hatten. Der Jurist Dr. jur. Rudolf Neidert wusste zu berichten, dass bei abnehmenden Zahlen der Schwangerschaftsabbrüche bis zur 12. Schwangerschaftswoche die Zahl der späten Abbrüche derzeit weiter ansteigt. Neidert führte weiterhin aus, dass nach der derzeitigen Gesetzeslage bei medizinisch-sozialer Indikation Schwangerschaftsabbrüche bis zum Zeitpunkt der Geburt rechtlich erlaubt sind, vorausgesetzt, dass der behandelnde Arzt der werdenden Mutter eine gesundheitliche Unzumutbarkeit der Fortführung der Schwangerschaft bescheinigt und die Mutter eine fachliche Beratung in Anspruch genommen hat. Unumgänglich aber ist bei einem Spätabbruch der Schwangerschaft die Tötung des werdenden Kindes (Fetozid), was dem unbedingten Schutz des Lebens auch Ungeborener zuwider sei.
Über dieses problematische Thema sprach dann der Pränataldiagnostiker Dr. Rüdiger Stressig vom Pränatalzentrum in Düsseldorf und Köln. Bei über 10.000 pränataldiagnostischen Untersuchungen führe er etwa 25 Fetozide in seiner Praxis durch, nach ausführlicher psychosozialer Beratung und Erfüllung vieler weiterer Kriterien. Danach weise er die Patientinnen zur Entbindung des verstorbenen Kindes in eine Entbindungsabteilung ein. Eingehend beschrieb Stressig die besonderen Herausforderungen und emotionalen Belastungen für betroffene Eltern und das beim Schwangerschaftsabbruch beteiligte medizinische Personal. Außerdem hob Stressig hervor, dass von den Medizinern nach dem pränataldiagnostischen Befund eine genaue Prognose über Erkrankung und zukünftige Entwicklung des Kindes erwartet werde, die aber in der Regel nicht gestellt werden könne. Das Aushalten der perspektivischen Ungewissheit aber erscheine manchen Eltern nahezu unmöglich. Selbst bei operablen Fehlbildungen (z. B. einer LippenKieferGaumenspalte) und intensiven Fachinformationen über die gute Behandlungsmöglichkeit forderten manche betroffene Eltern einen Fetozid ein und ließen diesen bei Ablehnung schließlich evtl. im Ausland durchführen. Kooperation des Arztes mit psychosozialen Beratungsangeboten, intensive Begleitung der Eltern auch im Sinne einer Abschiedsarbeit und viel Ruhe und Zeit für die Entscheidung hält Stressig für wesentlich und weiter ausbaufähig.
Zeitdruck, unter den Eltern nach einer unerwünschten Diagnose geraten, hielt auch der Moraltheologe Prof. Dr. Josef Römelt, Erfurt, für ein großes ethisches Problem in Entscheidungssituationen mit „biographischem Gewicht“. Der Lebensschutz des Kindes sei neben den Rechten der Mutter ein objektiv zu gewichtendes Element. Römelt wies nachdrücklich darauf hin, dass die schwerwiegenden Folgen nach Traumatisierung durch Schwangerschaftsabbrüche sich oft erst nach vielen Jahren zeigen. Sie konterkarieren eine vermeintlich schnelle Lösung bei drohender Behinderung des Kindes. Er betonte den Stellenwert der psychosozialen Beratung (ergebnissoffen mit dem Ziel des Lebensschutzes), den Abbau von Zeitdruck als wesentliches Element und den Bedarf einer umfassenden gesellschaftlichen Unterstützung und Vorbildfunktion in Bezug auf den Umgang mit Behinderung.
Die beraterische und seelsorgliche Perspektive tragfähiger Entscheidungen wurde dann durch Herrn Dr. Christoph Zimmermann-Wolf (Krankenhausseelsorger am St. Elisabeth Krankenhaus Neuwied) und Frau Barbara Heun (Dipl. Sozialarbeiterin und Supervisorin in Frankfurt) anhand von Fallbeispielen in ihrer Komplexität aufgezeigt. Neben der Notwendigkeit, Frauen in ihrer Autonomie zu stärken und mit ihrer Entscheidung andere als derzeit von der Gesellschaft als „normal“ angesehene Wege zu gehen, wurde die Rolle der Väter in der Beratungssituation hervorgehoben und somit die Notwendigkeit der Konsensfindung innerhalb der Paarbeziehung. Sehr gute Erfahrungen mit palliativer Umsorgung von Neugeborenen mit gesundheitlichen Schädigungen habe das St. Elisabeth-Krankenhaus Neuwied in diesem Zusammenhang gemacht. Seelsorgliche und psychosoziale Begleitung sollte zusammen mit den Ratsuchenden die schwere Situation der Ungewissheit aushalten und die Lücken im Leiden entdecken helfen.
In der anschließenden Podiumsdiskussion unter der Leitung von Frau Dipl. Psychologin Thullen kam die Diskrepanz von Wunsch und Wirklichkeit, von Theorie und dem praktischen Alltag der pränatalen Medizin in den Blick. Die Sorgen des Publikums um die psychischen Spätfolgen von Schwangerschaftsabbrüchen wurden deutlich wie auch die Besorgnis über eine perfektionsorientierte – vermeintlich moderne - Gesellschaft, in der Kinder mit einer drohenden Behinderung keinen Platz fänden. Die werdenden Eltern müssten nach Diagnosemitteilung einen großen Faktor Verunsicherung aushalten und benötigten in dieser schweren Phase Begleitung und Unterstützung. Von unserer heutigen Gesellschaft wünschte man ein Klima der Akzeptanz und Unterstützung, für die an der Begleitung Schwangerer beteiligten Berufsgruppen forderte man mehr fachliche Vernetzung zum Wohle von Eltern und Kind.

Dr. Ursula Rieke, Dernbach


Hinweis: Die auf der Fachtagung gehaltenen Referate finden Sie hier: 

Referat Josef Römelt 

Referat Medizinische Indikation 

Referent Dr. Neidert