Person-zentrierte Pflege – was steht ihr denn im Weg?

Abschluss der ersten Phase des DFG-Forschungsprojektes HALT an der PTHV

Vallendar, 05.12.2017. Im November 2017 wurde die erste Datenerhebung des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts "Habitus in der stationären Langzeitpflege von Menschen mit Demenz? (HALT)" (Laufzeit: 01.11.2016 – 31.10.2019) abgeschlossen. In der qualitativen Studie gehen die Projektmitarbeiterinnen Dr. theol. Heike Baranzke, Dr. rer. cur. Helen Güther und Lisa Luft, M. Sc., unter Leitung von Prof. Dr. Hermann Brandenburg, Lehrstuhl für Gerontologie und Dekan der Pflegewissenschaftlichen Fakultät der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV) der Frage nach, welche Faktoren eine personzentrierte Pflege von Menschen mit Demenz befördern oder behindern. Die Daten der ersten Erhebung weisen auf ein äußerst komplexes Miteinander von primärsozialisierenden, professionssozialisierenden und organisatorischen Faktoren hin. Diese wurden im Rahmen des St. Galler Demenzkongress am 15.11.2017 vorgestellt.

Eine personzentrierte Pflegepraxis ist für Menschen mit einer dementiellen Beeinträchtigung besonders bedeutsam. Denn durch ihre Erkrankung büßen sie sukzessive die Fähigkeiten ein, mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten. Das erzeugt große Angst und Verzweiflung, die sich in Formen des sog. "herausfordernden Verhaltens" äußern. Diese Menschen sind somit in besonderer Weise auf eine Pflege angewiesen, die sie bei ihrem Bemühen um interpersonale Interaktionen unterstützt.

Dazu entwickelte der britische Psychogerontologe Tom Kitwood Ende des 20. Jahrhunderts ein ambitioniertes Demenz-Pflege-Konzept der person-zentrierten Pflege ("person-centered care"/PCC), das hohe Anforderungen an die Pflegefachkräfte stellt. Neueste Studien belegen jedoch, dass sich eine person-zentrierte Pflegepraxis für Menschen mit Demenz in stationären Pflegeeinrichtungen nicht dauerhaft stabilisieren lässt. Vielmehr fallen die derart fortgebildeten Pflegepersonen nach kurzer Zeit in eine depersonalisierende Interaktion und Kommunikation zurück. Daher stellt sich die Frage, welche personalen oder kontextuellen Faktoren einer professionellen Habitualisierung der person-zentrierten Pflegepraxis und damit einer Veränderung der Pflegekultur in den Altenpflegeeinrichtungen ("culture Change") entgegenstehen oder diese unterstützen.

Die Grundforderung der person-zentrierten Pflege besteht für Kitwood in einem fundamentalen Perspektivwechsel, der nicht länger die Krankheit, sondern den Menschen als Person ins Zentrum der pflegerischen Aufmerksamkeit stellt: "Unser Bezugsrahmen sollte nicht länger die Person-mit-DEMENZ, sondern die PERSON-mit-Demenz sein." Dieser programmatische Satz beinhaltet Kitwoods Kritik an der sog. "Medizinierung" der Demenz, d.h. der Reduzierung und Wahrnehmung des dementiell erkrankten Menschen auf den neuronalen Abbau seines Gehirns. Stattdessen erkannte der Sozialpsychologe, dass nicht nur weitere in Wechselwirkung stehende Verfassungen des dementiell erkrankten Menschen zu beachten sind, sondern vor allem die Befriedigung seiner sozialpsychologischen Bedürfnisse durch einen beziehungssensiblen Pflegekontakt zum Erhalt seiner personalen Ausdrucksfähigkeit wesentlich beitragen können. Auf diese Weise leitete Kitwood die Wende von einem rein neurobiologischen zu einem neurobiopsychosozialen Menschenbild in der Betrachtung von Menschen mit Demenz ein, das auch das fachliche Pflegeselbstverständnis grundlegend verändert, nämlich von einem medizinalen Hilfsberuf zu einer anspruchsvollen Beziehungsgestaltungsprofession, deren vielleicht größte Herausforderungen insbesondere in dem bislang verkannten Feld der Altenpflege bestehen.

Um den Schwierigkeiten einer Stabilisierung einer person-zentrierten Pflege auf die Spur zu kommen vergleicht das Forschungsteam der PTHV die Pflegearbeit sowie die Pflegebedingungen in zwei Best-Practice-Altenpflegeeinrichtungen, die sich als person-zentrierte Einrichtungen verstehen und sowohl spezialisierte geschlossene Demenz-Wohnbereiche als auch offene gemischte Wohnbereiche aufweisen. Mit Hilfe von Teilnehmender Beobachtung von Pflegepersonen, sowie durch soziodemografische Datenerhebung, Gruppendiskussionen und biografisch-narrative sowie leitfadengestützte Experteninterviews bei den Pflegefachkräften und den Leitungspersonen der Einrichtungen wird versucht, diese Faktoren zu eruieren. Die Auswertung geschieht mit der Dokumentarischen Methode nach Bohnsack, mit der der Pflegehabitus der Pflegekräfte rekonstruiert werden soll.