Kirche - Quo vadis?

Symposion mit Kardinal Kasper an unserer Hochschule

Zu einem theologischen Symposium mit Kardinal Kasper hatte das gleichnamige Institut der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar bereits zum dritten Mal eingeladen. Nachdem im letzten Jahr das Thema Christologie im Mittelpunkt stand, sollte es diesmal um die „Kirche Jesu Christi“ gehen, anlässlich des Erscheinens von zwei der Lehre über die Kirche gewidmeten Bänden aus der Schriftenreihe des Kardinals. Bischöfe, darunter Kurt Koch aus Basel, und Theologen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz waren der Einladung gefolgt, darunter viele ehemalige Schüler des Kardinals aus dessen Zeit als akademischer Lehrer in Münster und Tübingen.


In einem sehr persönlich gestimmten einleitenden Vortrag ließ der Kardinal, der vor wenigen Wochen sein 20jähriges Bischofsjubiläum feiern konnte, die von ihm persönlich erlebte Wandlungsgeschichte der Kirche Revue passieren. Seine Erinnerung an die vorkonziliare Zeit ist geprägt von der anti-nazistischen Haltung der Kirche, die ihm als Jungen Heimat und Stütze gab. Die verschiedenen Erneuerungs- und Reformbewegungen der Kirche waren dann im Rückblick wie eine Vorbereitung auf das große Ereignis des Konzils. Es folgten die stürmischen Jahre der 68er Unruhen, in denen er sich als akademischer Lehrer zu klarer Stellungnahme aufgerufen fühlte. „Bald hatte ich mich mehr mit Marx und seiner Lehre auseinander gesetzt als die meisten der mit wenigen Schlagworten auskommenden Demonstranten.“ Die 70er Jahre mit der Auseinandersetzung um den von ihm menschlich geschätzten Kollegen Küng bezeichnete Kasper als schwierigste Zeit seiner universitären Laufbahn, die er dann 1989 unterbrach, um sich als Bischof „der praktischen Ekklesiologie zuzuwenden“.

Richtschnur seines pastoralen Handelns war es stets, die Grundlinien des Konzils in einer „Hermeneutik kirchlicher Erneuerung“ aufzunehmen und umzusetzen. Dabei ließ er sich leiten vom Bild der eucharistischen Communio, „das allen anderen Kirchenbildern des Konzils zugrunde liegt“. Dieses wurzelt in der „Communio Sanctorum“ und zielt auf eine kommunikative und dialogfähige Gemeinschaft, in einer immer wieder neu zu suchenden Balance zwischen Universal- und Ortskirche. Diese Offenheit, daran ließ der Kardinal keinen Zweifel, ist ihm Herzensanliegen auch im täglichen Ringen um ökumenische Lösungen, sei es mit den Kirchen der Reformation oder denen des Ostens. Hier sieht er die Christenheit auf dem Weg, bei aller Wahrung der Einheit (etwa in der Anerkennung des Petrusamtes) doch zu einer möglichen und gegenseitig anerkannten Vielfalt von kirchlichen Strukturen hinzufinden.

Es gilt, so Kasper in der sich an seinen brillanten Vortrag anschließenden Diskussion, sich wieder stärker an kirchlichen Formen der frühen Kirche und des ersten Jahrtausends zu orientieren. Die soziologische Entwicklung der Kirche legt es nahe, nicht mehr an allen Orten Gottesdienste zu feiern, sondern wieder „Mittelpunktskirchen“ zu etablieren, in denen Menschen aus verschiedenen Richtungen zusammen kommen und in einer gut gestalteten Liturgie wirklich Kirche als lebendig erfahren.

Zum Wesen dieser lebendigen Kirche gehört konstitutiv, so Bischof Koch in seinen Ausführungen, das Bischofsamt. Auch hier hat das II. Vatikanum eine unselige Trennung der Geschichte überwunden und ist damit zurück gekehrt zur Sicht der frühen Kirche und der Väter: Die Leitungsaufgabe des Bischofsamtes ist nicht zu trennen von seiner sakramentalen Grundstruktur. Kirche, Eucharistie und Bischofsamt bilden eine organische Einheit. So muss sich der Bischof gegen eine „kleinkarierte Lehre“ wenden, die den Glaubensreichtum der Kirche auf bestimmte Aspekte zu reduzieren versucht, muss sich als Pontifex, als Brückenbauer bewähren bei Lagerbildungen innerhalb seines Bistums, um so die „katholische Mitte zu wahren“. Eine Hilfe wird ihm dabei, und damit knüpfte Koch an die Ausführungen von Kasper an, die unverzichtbare Einbindung des Bistums als Ortskirche in die Weltkirche sein. Und noch eine möglichst fruchtbar zu machende Spannung betonte Koch wohl aus eigener Erfahrung: Der Bischof hat kollegial und synodal zu leiten, darf sich jedoch nie seiner personalen Verantwortung entziehen. „Wenn alle anderen sich auf ihr Gewissen berufen können, so steht dies dem Bischof genauso zu.“ Unter großen Beifall bedankte sich Bischof Koch bei seinem Lehrer Kardinal Kasper, dass er dieses Idealbild eines Bischofs menschenmöglich verkörpert.

Auf die ganz praktischen Fragen der pfarrlichen Neuorientierung in den deutschen Diözesen kam dann Prof. Medard Kehl von der Hochschule der Jesuiten in St. Georgen / Frankfurt a.M. zu sprechen. Aus eigener Erfahrung in der Gemeinde ging es ihm darum, theologische Chancen dieser Neuordnung aufzuzeigen. So ist die über lange Zeit angestrebte große kirchliche Gemeinschaft („Pfarrgemeinde“) allzu offensichtlich an ihre Grenzen geraten. Als sinnvolle Entwicklung beschrieb Kehl die polare Struktur von Mittelpunkts-Zentren zusammen mit der um das Wort Gottes sich versammelnden Familie Gottes vor Ort. Ersteres macht eine Vielfalt kirchlichen Lebens möglich, durch die Kirche wieder als universales Heilssakrament erscheint; letzteres sichert das Bestehen von mit dem Alltag verwobenen „christlichen Selbsthilfegruppen“. Kehl wünschte sich abschließend kirchliche Mitarbeiter, die aus innerer Überzeugung heraus Christen für dieses neue - und wohl für viele noch ungewohnte - Modell von Kirche begeistern und schulen.

Den Blick über die Kirche hinaus weiten – das war das Anliegen des Münsteraner Fundamentaltheologen Jürgen Werbick. Kirche darf sich nicht auf sich selbst konzentrieren, sie ist auf das Reich Gottes ausgerichtet. Anhand der Pastoralkonstitution des II.Vatikanums beschrieb er die diakonische Sendung der Kirche als Präsenz mitten unter den Menschen und fragte, ob dieser vom Konzil realisierte Perspektivenwechsel eigentlich von der heutigen Kirche bereits vollzogen ist. Eine selbstlos dienende Kirche ist frei, ihre Strukturen immer wieder neu an ihrer Sendung auszurichten. Ihr geht es darum, Orte offen zu halten für gute Worte, für Freimut, für ermutigende Erfahrungen des Glaubens.
Und genau darum, wie Menschen heute in Glauben und Gotteserfahrung eingeführt werden können, ging es auch dem letzten Referenten des Tages, dem Limburger Bischof  Franz-Peter Tebartz-van Elst. 30 Jahre nach dem päpstlichen Schreiben „Catechesi tradendae“ von Johannes Paul II. forderte er eine erneuerte Pädagogik des Glaubens. Nachdem heute Volkskirche immer mehr abgelöst wird durch ein Wahlchristentum, mit Bekehrung und Taufe bzw. Tauferneuerung, braucht es wieder verstärkt die frühchristliche Einrichtung des Erwachsenen-Katechumenats. Dies, so der Bischof, ist ein Raum, in dem Menschen mit ihrer individuellen Biografie hinein wachsen können in einen verbindenden und verbindlichen Glauben, bei dem Jesus Christus die Mitte ist. Hierbei spielen Stufenriten und gottesdienstliche Feiern, bei denen Kirche als Leib Christi aufscheint, eine wichtige Rolle. Kirche muss in Gemeinschaften, die wie Glaubens-Biotope wirken, wieder ihren missionarischen Auftrag entdecken, Mut zum Inhalt haben, Mensche auf dem Weg in den Glauben begleiten, dann wird sie auch eine entsprechende und erneuerte Sozialgestalt finden.

Am Sonntag brachte Kardinal Kasper, der seit 2003 Ehrendoktor der Vallendarer Hochschule ist, die biblische Weisheits-Theologie als eine fruchtbare Grundlage für das Nachdenken über Kirche ins Gespräch. Baute sich doch die Weisheit nach Spr 9,1 ein Haus, das offen sein soll für alle Kulturen und Völker.
Und in seiner Predigt beim abschließenden feierlichen Gottesdienst wies er dankbar darauf hin, dass er sich nie als „ökumenischer Diplomat“ verstanden habe, sondern als Hirte und Seelsorger, als „Pfarrer der Weltkirche“.