1. Vallendarer Kongress der Pflegewissenschaft

Diskutiert wurden die schleichende Rationierung von Gesundheitsleistungen, Ansätze einer dialogischen Ethik, einer neuen Care-Ethik, der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff, Kritik und moralisches Engagement der Pflege u.v.m.

„Erster Vallendarer Pflegekongress war ein voller Erfolg“

 

Unter der Schirmherrschaft der rheinland-pfälzischen Sozialministerin Malu Dreyer fand am 4. und 5. Juni 2009 der erste Vallendarer Kongress der Pflegewissenschaft statt. Mit rund 150 Teilnehmern aus Leitung, Praxis und Wissenschaft im Sozial- und Gesundheitswesen sowie aus Politik, Kirche und Gesellschaft war der Kongress gut besucht. Es wurde interdisziplinär über die verschiedenen Facetten von Gerechtigkeit und Solidarität im Gesundheitswesen diskutiert. Renommierte Experten aus Pflegewissenschaft, Medizinethik, Sozialökonomie, Politikwissenschaft und Theologie aus dem In- und Ausland hielten Vorträge und boten zahlreiche Workshops an. So wurden Ansätze einer neuen Care-Ethik diskutiert auch um der schleichenden Rationierung von Gesundheitsleistungen entgegenzuwirken. Der Kongress fand in der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV) bei Koblenz statt.

Prof. Frank Weidner begrüßte als Dekan der veranstaltenden Pflegewissenschaftlichen Fakultät der PTHV die Referenten, Teilnehmer und Gäste. „Wir wollen mit diesem Kongress als junge Disziplin einen Beitrag zum interdisziplinären Austausch um eines der wichtigsten Themenfelder leisten.“, so Weidner. Die Fragen der Gerechtigkeit im Gesundheitswesen gingen alle an, die von Krankheit, Pflegebedürftigkeit und Behinderung betroffen sind oder im Gesundheitswesen Dienst leisten, so Weidner weiter.

Der Kölner Sozialwissenschaftler Prof. Frank Schulz-Nieswandt ging in seinem Eröffnungsvortrag auf die Grundlagen des Themas „Gerechtigkeit“ aus wissenschaftlicher Perspektive ein und legte dabei einen Schwerpunkt auf die Sozialgesetzgebung. Er stützte sich in seinen Aussagen sowohl auf soziologische wie auch psychologische Erkenntnisse und Interpretationen. Einen Ausblick legte er auf eine neue „Ethik der Achtsamkeit“. Dazu stellte Schulz-Nieswandt abschließend die zentrale Frage in den Raum: “Wie ist eine dialogische Ethik und Praxis der Orientierung am Anderen auf der Grundlage einer hinreichenden Selbst-Sorge möglich?“

Am Nachmittag des ersten Tages sprach der Mediziner und Philosoph Prof. Daniel Strech von der Medizinischen Universität Hannover über medizinische Entscheidungskonflikte. In einer Studie über ärztliches Handeln bei Mittelknappheit konnte er zeigen, „dass eine Rationierung in der Medizin heute schon verbreitet stattfindet, dies aber nicht offen diskutiert werde“. So würden Patienten mitunter teurere Verfahren vorenthalten, obwohl der Arzt nicht genau wisse, ob damit dem Patienten schon Schaden zugefügt werde. Strech betonte, dass diese Entscheidungskonflikte gleichzeitig zu emotionalem Stress und Gefühlen der Überforderung bei medizinischem Personal führe. Lösungskonzepte, die wirksam sein sollen, müssten die Komplexität der Zusammenhänge berücksichtigen und Transparenz aufweisen.

 

In drei parallelen Workshops wurden dann Fragen der Gerechtigkeit im Zusammenhang mit Qualität, Vergütung und dem „guten“ Leben bearbeitet. So wurde auch über den neuen Begriff zur Pflegebedürftigkeit im Pflegeversicherungsgesetz und das dazugehörige Begutachtungsverfahren diskutiert. Prof. Albert Brühl von der PTHV begrüßte das neue Verfahren als einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung, wies aber auf notwendige Entwicklungen hin, um das Instrument zu verbessern. Zwischen den Veranstaltungen und am Abend gab es für die Teilnehmer viele Gelegenheiten des Austausches.

 

Erster Redner des zweiten Kongresstages war Prof. Eberhard Schockenhoff von der Universität Freiburg. Er ist unter anderem Mitglied des Deutschen Ethikrates. Schockenhoff sprach in seinem Vortrag über den Wandel des Gesundheitssystems in Zeiten der Ressourcenknappheit. Aus theologischer Perspektive stellte er das Gute und Gerechte in der Medizin in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Prof. Heiner Friesacher von der Universität Bremen referierte anschließend über Kritik und moralisches Engagement und entwickelte eine neue Gerechtigkeitskonzeption in der Pflege. Er forderte eine grundlegend kritischere Position in der Pflegewissenschaft, um die Rahmenbedingungen, die in der Versorgung pflegebedürftiger und kranker Menschen vorherrschen, zu hinterfragen. „Nur ein kritischer Begriff pflegerischen Handelns ist in der Lage, den hohen Ansprüchen einer pluralistischen Gerechtigkeitskonzeption in der Pflege zu genügen“, so Friesacher.

 

In drei Workshops stand das solidarische Handeln im Mittelpunkt. Auch ging es um konkrete Fragen, wie etwa den Umzug von Pflegebedürftigen ins Heim und die Konsequenzen daraus für ein solidarisches Handeln. Prof. Helen Kohlen von der PTHV stellte ihre Ansätze einer neuen Care-Ethik vor, die sie im Rahmen ihrer Dissertation über Ethik-Komitees in Krankenhäusern entwickelt hat. Sie setze damit einen entscheidenden Impuls des Kongresses. In den Workshops wurden auch Ergebnisse von studentischen Arbeiten aus Vallendar vorgestellt.

 

Dr. Maria Schubert aus der Schweiz erörterte die Ergebnisse einer Studie zu Rationierungseffekten in der Pflege und erläuterte in diesem Zusammenhang die kontrovers geführten Debatten um dieses Thema in ihrem Heimatland. Die Bielefelder Erziehungswissenschaftlerin Prof. Katharina Gröning konzentrierte sich in ihrem Vortrag auf die häusliche Pflege. Sie lieferte aufgrund eigener Studien Einblicke in die unterschiedlichen Pflegeformen von Frauen und Männern. Daraus entwickelte sie eine Kritik an den politischen Rahmensetzungen, die immer noch von längst überholten Rollenteilungen und Wahlfreiheiten ausgingen.

 

Den Abschlussvortrag hielt die Schirmherrin des Kongresses, Gesundheitsministerin des Landes Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer. Sie griff das Kongressthema aus politischer Perspektive auf. Ein Schwerpunkt ihrer Ausführungen lag auf den Folgen der unterschiedlichen Versicherungssysteme. „Es ist ein Problem, wenn 90% der Versicherten zu einer solidarischen Form der gesetzlichen Sozialversicherung beitragen und rund 10% der privat Versicherten sich an diesem Solidarsystem nicht beteiligen.“ Besonders gravierend zeige sich diese Ungleichheit bei der Pflegeversicherung. „Während wir finanziell im gesetzlichen System gerade mal so über die Runden kommen“, so die Ministerin, „hat die private Pflegeversicherung inzwischen ein erhebliches Finanzpolster angespart. Das empfinde ich als höchst ungerecht“. Insgesamt stellte die Ministerin dem deutschen Gesundheitssystem gute Noten aus. Eine Rationierung der Leistungen komme höchstens bei ungünstigen Versorgungsstrukturen oder aufgrund extremer Situationen einmal vor und sei keinesfalls an der Tagesordnung. Eine Rationierung bei ernsthaften oder lebensbedrohlichen Erkrankungen schloss die Ministerin aus.

 

Zum Abschluss der Veranstaltung zeigte sich Prof. Hermann Brandenburg, Koordinator des Kongresses, sehr zufrieden mit dem Zuspruch und dem Ablauf der Veranstaltungen. „Wir haben hier eine ganze Reihe aktueller, interdisziplinärer Analysen der Situation im Gesundheitswesen diskutiert und haben multiperspektivische Lösungsansätze erörtern und in Workshops weiterentwickeln können!“ Insgesamt sei der Kongress ein voller Erfolg gewesen. Die Beiträge und Ergebnisse sollen in einem Tagungsband veröffentlicht werden.

 

Informationen und Kontakt: Maria Peters, 0261/ 6402 – 257 und mpeters@pthv.de (Veröffentlichung frei, Belege erbeten, Bildmaterial hier)